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Presse-Informationen zum Thema „Das 2010-Ziel der Europäischen Union – nicht nur erreicht, sondern übertroffen!“

Prof. Dr. W. Schumacher, Geobotanik und Naturschutz,
Landwirtschaftliche Fakultät der Universität Bonn

 

2001 wurde in Göteborg von der Europäischen Union beschlossen, bis 2010 den weiteren Rückgang der biologischen Vielfalt in den Mitgliedsländern zu stoppen. In diesem Jahr, dem internationalen Jahr der Biodiversität, stellt sich die Frage, ob das 2010-Ziel der Europäischen Union realistisch oder eher utopisch ist. Denn nach Einschätzung von Experten wird dieses Ziel in Deutschland und wohl auch in den meisten anderen Ländern der EU bis Ende 2010 nicht zu erreichen sein. Das dürfte nach unserer Einschätzung auch auf die Bundesländer zutreffen, nicht jedoch generell auf Naturräume, Kreise und Kommunen.

Auf der Grundlage von rund 200 Staatsexamens-, Diplom- und Doktorarbeiten aus den letzten 30 Jahren, umsetzungsorientierter Forschungsprojekte und weiterer Datenerhebungen durch den Fachbereich „Geobotanik und Naturschutz“ der Landwirtschaftlichen Fakultät von 1985-2009 zeigen detaillierte Erfolgskontrollen und Vergleichsuntersuchungen der letzten sieben Jahre, dass im Bereich der nordrhein-westfälischen Eifel das 2010-Ziel der Europäischen Union im Hinblick auf Farn- und Blütenpflanzen, Pflanzengesellschaften und gefährdete Biotoptypen nicht nur erreicht, sondern deutlich übertroffen ist. Die wesentlichen Gründe hierfür sind folgende:

  • In diesem Naturraum wurde vom Autor vor gut dreißig Jahren der Vertragsnaturschutz mit der Landwirtschaft entwickelt, ausgeweitet, bis heute vom Fachbereich „Geobotanik und Naturschutz“  kontinuierlich weitergeführt und mehrfach evaluiert.

  • Der Flächenanteil der Naturschutzgebiete und FFH-Gebiete in den  Eifelregionen der Kreise Euskirchen, Düren und der Städteregion Aachen ist in den letzten zehn Jahren erheblich angestiegen und liegt zur Zeit bei 30.000 ha (entspricht >15% der Fläche der genannten Kreise).

  • Der Anteil der Vertragsnaturschutzflächen für Wiesen, Weiden, Magerrasen und Heiden in den o. g. Regionen ist mit rund 5.000 ha sehr hoch.

  • Gleiches gilt für den Flächenanteil der Grünlandextensivierung, der mit mehr als 15.000 ha ebenfalls deutlich höher als in allen anderen Kreisen von NRW.

  • Anhand von Populationserhebungen für 37 seltene und gefährdete Farn- und Blütenpflanzen sowie weitere 35 Kenn- bzw. Zeigerarten von Offenlandbiotopen konnte in den Jahren 2004-2006 in mehr als 100 Gebieten nachgewiesen werden, dass der weit überwiegende Teil der Arten erheblich zugenommen hat und die übrigen mindestens gleich geblieben sind.

  • Die aktuelle Rote Liste 2010 der gefährdeten Farn- und Blütenpflanzen von NRW zeigt – wie bereits die letzte Auflage von 1999 – für den Bereich der Eifel, dass der Anteil gefährdeter Arten deutlich zurückgegangen ist bzw. eine geringere Gefährdungsstufe gegeben ist.

  • Eine kontinuierliche und gute fachliche Betreuung durch die Biologischen Stationen der genannten Kreise ist seit 1993 gewährleistet.

  • Eine konstruktive Zusammenarbeit der Kreise, der Gemeinden, der NRW-Stiftung, der Naturschutzverbände und weiterer Institutionen mit der Land- und Forstwirtschaft hat hier seit langem Tradition.

  • In mehreren interdisziplinären und transdisziplinären Projekten der Landwirt­schaftlichen Fakultät wurde die Effizienz der Vertragsnaturschutzprogramme überprüft, bei Bedarf Vorschläge zur Optimierung entwickelt und umfangreiches Langzeit-Monitoring durchgeführt.

 Interessenten an der Thematik erhalten reichhaltiges Daten- und Bildmaterial auf CD, anhand dessen sich eindeutig belegen lässt, dass die nordrhein-westfälische Eifel eine der ersten Regionen Deutschland ist, in denen die oben genannte Zielsetzung der EU tatsächlich erfüllt wurde. Es ist zu vermuten, dass dieses Ziel auch in weiteren Naturräumen NRW's und anderer Bundesländer erreicht ist. Daher empfehlen wir bei der Evaluierung des 2010-Ziels durch Bund und Länder neben den meist indirekten Indikatoren der European Environment Agency, Kopenhagen zusätzlich einen „bottom-up“-Ansatz mit ergänzenden, direkt erfassbaren Indikatoren.

Denn die Umsetzung des Naturschutzes, insbesondere im Hinblick auf die Erhaltung der biologischen Vielfalt erfolgt in der Regel auf der regionalen Ebene (Kreise, Naturräume) oder auf kommunaler Ebene (Städte, Gemeinden, Gemeindeverbände). Hier lassen sich die oben genannten und weitere Parameter am ehesten operationalisieren und evaluieren.

Um das erreichte Niveau nachhaltig zu sichern und unsere Verpflichtungen im Hinblick auf  die Konvention von Rio zur Erhaltung der biologischen Vielfalt zu erfüllen, bedarf es auch in Zukunft erheblicher finanzieller Anstrengungen.

 

Literatur (Auswahl):

Fuchs, H., Mürtz, H. & W. Schumacher (2010): Renaturierung der Narzissentäler im deutsch-belgischen Grenzgebiet - Natur in NRW, Heft 1 i. Dr.

KAM, H., C. KÜHNE, C. LEX, A. METZMACHER, H. FUCHS, &  W. SCHUMACHER (2006): Erfolgskontrolle des Vertragsnaturschutzes anhand der Populationsgrößen und –entwicklung seltener und gefährdeter Farn- und Blütenpflanzen. Forschungsbericht Nr.148. Lehr-und Forschungsschwerpunkt „Umweltverträgliche und standortgerechte Landwirtschaft“, Landwirtschaftliche Fakultät der Universität Bonn.

KÜHNE, C., H. KAM, C. LEX, A. METZMACHER, H. FUCHS, F. OPITZ, W. SCHUBERT & W. SCHUMACHER (2007): Populationsgrößen und -entwicklung seltener und gefährdeter Orchideen auf Vertragsnaturschutzflächen in der Eifel und ausgewählten Gebieten im Hochsauerland - Jahresberichte des Naturwissenschaftlichen Vereins Wuppertal e.V., H 60,  307-332.

Schumacher, W. (2007): Bilanz – 20 Jahre Vertragsnaturschutz. Vom Pilotprojekt zum Kulturlandschaftsprogramm NRW – Naturschutzmitteilungen NRW 1, 21-28.

Schumacher, W. (2008): Integrative Naturschutzkonzepte für Mittelgebirgsregionen in Deutschland -  In: Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.): Naturschutz im Kontext einer nachhaltigen Entwicklung – Ansätze, Konzepte, Strategien. Schriftenr. Naturschutz und Biologische Vielfalt. (Bonn) 67, 155-175

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